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Superzelle bei Ebersberg — Bayern statt Italien war die richtige Entscheidung

Bereits am Vormittag war klar: die Wetterlage am Alpenrand besitzt heute enormes Potenzial für organisierte Schwergewitter. Wir sind 380 km gefahren und wurden mit einer der schönsten Superzellen der Saison belohnt.

Morgens um 06:30 saß ich mit dem zweiten Kaffee vor den Karten. Drei Optionen lagen auf dem Tisch: Friaul, südliches Tirol oder das östliche Voralpenland. Auf den ersten Blick sah Italien spektakulär aus — viel Energie, kräftige Scherung, klassische Vorderseitenwetterlage.

Doch ein Detail im 700-hPa-Wind ließ mich zögern. Die Scherprofile südlich des Alpenhauptkamms waren zwar stark, aber zu unidirektional. Was ich suchte, war eine kräftige Richtungsänderung in den unteren 3 km — und die fand sich nicht in Italien, sondern nördlich der Alpen, im östlichen Bayern.

Die Daten am Vormittag

CAPE
2 400 J/kg
Ebersberg 14 UTC
SREH 0–3 km
280 m²/s²
deutlich erhöht
DLS
22 m/s
Superzellen-Niveau
LCL
820 m
tornadofreundlich

Insbesondere die SREH-Werte sprachen eine klare Sprache. Bei einer derart starken stormrelativen Helizität in den unteren Schichten rotiert jeder ordentliche Aufwind, der es schafft, bis zur Tropopause durchzubrechen. Die Entscheidung war gefallen: Wir fahren nach Norden.

Die Anfahrt: 380 km in 4 Stunden

Über Kufstein, München, Wasserburg. Andrea am Telefon, gefährliche Wege auf den Karten markiert. Wir hatten zwei Probleme: erstens, wir mussten vor dem Auslösegebiet ankommen. Zweitens, wir mussten in Richtung Zugbahn fahren, aber so, dass wir nicht im RFD-Wind enden.

Anfahrtsroute mit eingezeichneter Zugbahn der Zelle (rot) und finalem Standort (gelb).

17:32 — die Zelle wird zur Superzelle

Wir standen auf einem kleinen Hügel südwestlich von Ebersberg. Die Zelle war initial unscheinbar, doch innerhalb von 25 Minuten formte sich ein klassischer Vault, dahinter eine wunderschöne mesozyklonische Wandwolke.

„Schau dir das an — der gesamte Aufwind dreht. Wenn das nicht in den nächsten 15 Minuten einen Funnel produziert, fresse ich meinen Wetterballon."

Funnel kam keiner — aber dafür Hagel der Größe „kleines Hühnerei" und eine beeindruckende Sequenz aus drei Erdblitzen direkt vor unserem Standort. Adrenalin-Niveau: maximal.

17:48 Uhr — die Wandwolke knapp 4 km vor unserer Position.

Was wir daraus lernen

Erstens: Nicht die höchste Energie zählt, sondern die Kombination aus CAPE und Scherung. Italien hatte am Tag mehr CAPE, aber zu wenig Richtungsscherung.

Zweitens: Eine ordentliche stormrelative Helizität ist Gold wert. Drittens: Die deutsche Vorhersagestelle hatte heute eine super Vorarbeit geleistet — die Stage-2 Warnung kam rechtzeitig.

Vor allem aber: 380 km Fahrt für 90 Minuten Spektakel sind absolut jeden Liter Diesel wert. Bis zum nächsten Mal — bleibt sicher und behaltet die Wolken im Auge.

— Markus